Herr Morley, Sie haben jahrelang als Enthüllungsjournalist und Dokumentarfilmer für das britische Privatfernsehen gearbeitet und zahlreiche Interviews mit inhaftierten Serienmördern geführt. Es heißt, dass Sie dabei mehr erfahren haben, als bei den Polizeiermittlungen zutage kam. Wie haben Sie es geschafft, dass sich diese Menschen Ihnen gegenüber so weit geöffnet haben?
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Michael Morley: Ich glaube, ich hatte bei diesen Interviews einige entscheidende Vorteile. Zuerst einmal stand ich nicht unter dem immensen Druck und dem Stress, dem die Kriminalbeamten im Allgemeinen bei ihren Befragungen ausgesetzt sind. Kriminalbeamte arbeiten unter extrem schwierigen Bedingungen: Sie müssen nicht nur mit den Erwartungen und Gefühlen der Familien der Opfer umgehen können, sondern auch mit der öffentlichen Angst, dass weitere Morde geschehen könnten, solange der Täter nicht gefasst ist. Begrenzte Budgets und politischer Druck können auch eine Rolle spielen. Es gibt sehr strenge formale Richtlinien, nach denen die Befragungen zu führen sind, und sie müssen später vor Gericht in der Lage sein, alles, was gesagt wurde, zu belegen. Ich musste nichts von alldem mit in den Verhörraum nehmen, nur meine Kamera. Ich glaube, meine Interviewpartner waren mir gegenüber sehr offen, weil ich eben kein Kriminalbeamter war und ich ihnen schnell zu verstehen gegeben habe, dass ich vor allem gekommen war, um ihnen zuzuhören, und nicht, um ihnen eine Frage nach der anderen zu stellen. Wenn man wie ich nur lange genug zuhört, erzählen einem Massenmörder schließlich immer zwei Versionen ein und derselben Geschichte: Version Nummer 1 ist das, was sie denken, was du hören möchtest, Version Nummer 2 ist das, was sich wirklich abgespielt hat. Die wahre Kunst ist, zu entscheiden, wo die Wahrheit liegt.
Bei diesen Interviews haben Sie tief in menschliche Abgründe geblickt. Die Drehbedingungen waren bestimmt nicht immer die einfachsten. - Gab es in Ihrem Leben einen ähnlichen Punkt wie bei Ihrer Hauptfigur, dem ausgebrannten FBI-Profiler Jack King, den seine Vergangenheit einfach nicht mehr loslässt? Und ist Ihr erster Roman Spider für Sie auch ein Mittel, Abstand zum Erlebten zu gewinnen?
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Michael Morley: Ich erinnere mich vor allem an ein Gespräch. Ich arbeitete gerade an einer Sendung mit dem Titel „Behind Closed Doors“ und bekam ein exklusives Interview mit einer ganz bemerkenswerten Frau. Anne-Marie West wuchs als Tochter massenmordender Eltern auf. Das Ehepaar West hat mindestens zwölf junge Frauen umgebracht und neun davon im Garten hinter ihrem Haus vergraben. Anne-Marie ist in einem Haus voller Gewalt und Erniedrigung aufgewachsen und wurde sexuell missbraucht. Ich war die erste Person, die sie interviewen durfte, nachdem Anne-Marie ihre Aussage bei der Polizei gemacht hatte. Was sie mir erzählte, hat mich bis ins Mark erschüttert. Über das, was ihre Stiefmutter ihr angetan hat, werde ich mit keiner Menschenseele sprechen. Nach der Sendung habe ich mir geschworen, nie wieder ein Projekt anzupacken, das auch nur im Entferntesten mit Kindesmord oder Kindesmissbrauch zu tun hat.
Hat sich Ihr Blick auf das Leben verändert, seit Sie solche Einblicke in die dunklen Seiten des Lebens hatten?
Michael Morley: Zweifelsohne geht die intensive Beschäftigung mit Verbrechen nicht spurlos an mir vorbei. Ich bin extrem auf Sicherheit bedacht, insbesondere was meine Frau und meine Kinder betrifft. In der Öffentlichkeit meide ich jedes Risiko, und ich sorge dafür, dass sich meine Familie ebenso verhält. Massenmörder, Vergewaltiger, Kinderschänder, Straßenräuber und Entführer sind Raubtiere – Wölfe auf der Suche nach leichter Beute. Ich nötige jeden, über seine eigene Sicherheit nachzudenken. Die eigene Sicherheit sollte man nicht als etwas Selbstverständliches ansehen. Ich habe mit vielen Mördern gesprochen – mit Ehemännern, die ihre Frauen umgebracht haben, mit Auftragsmördern, mit Sexkillern und sogar mit Kindesmördern. Das Auffälligste: diese Menschen sind unauffällig. Ihre Tat dämonisiert sie, aber tatsächlich sehen sie ganz normal aus, sie benehmen sich normal, und sie scheinen überhaupt ganz normal zu sein, zumindest zu neunzig Prozent der Zeit. Würde man nichts über die Verbrechen dieser Menschen wissen, würde man sie lustig, charmant, freundlich, intelligent und vertrauenswürdig finden. Wenn ich eines gelernt habe, dann dass die äußerliche Erscheinung oft ganz schön irreführend sein kann.
Wie viel von Ihnen selbst steckt in Ihrer Hauptfigur, dem FBI-Profiler Jack King?
Michael Morley: Er ist mein Ebenbild – auch ich bin ein großer, gut aussehender Amerikaner mit messerscharfem Verstand und kriege jede schöne, intelligente Frau. Okay – gelogen! Ich bin ein kleiner, hässlicher Engländer, der das Glück gehabt hat, eine außergewöhnlich kluge und schöne Frau so auszutricksen, dass sie mich schließlich geheiratet hat (ganz so dumm bin also doch nicht!). Im Ernst – in mir steckt viel mehr von Nancy als von Jack.
Spider beginnt, kurz nachdem sich Jack King mit seiner Familie in die Toskana zurückgezogen hat. Warum wählt der amerikanische Ermittler für seinen Rückzug ausgerechnet die Toskana?
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Michael Morley: Jack hat Glück gehabt. Er landet in der Toskana, weil ich diesen Landstrich liebe. Für mich bietet die Toskana die romantischste und dramatischste Szenerie der ganzen Welt. Vor neun Jahren war ich mit meiner Freundin Donna dort, als wir gerade erfahren hatten, dass sie schwanger war. Es war der beste Urlaub unseres Lebens. Wir sind durch Weingärten geradelt, haben unter Kirschbäumen gerastet, Kerzen in der Kühle der majestätischen Kirchen angezündet und für die Gesundheit unseres ungeborenen Kindes gebetet. Es war der Himmel auf Erden! Vergangenes Jahr waren Donna und ich wieder in der Toskana (zusammen mit unserem wirklich sehr gesunden achtjährigen Sohn Billy). In Pienza haben wir geheiratet und in San Quirico Flitterwochen gemacht. Das sind die beiden wichtigsten Orte in Spider.
Spider erzählt abwechselnd aus der Sicht der beiden Kontrahenten, kapitelweise durchlebt der Leser die Gedankenwelten des Black-River-Killers und des ihn verfolgenden Ermittlers Jack King. Warum haben Sie diese besondere Erzählperspektive gewählt?
Michael Morley: Psychologisches Profiling bedeutet, in der Lage zu sein, wie ein Mörder zu denken. Das FBI nennt das „walking in the shoes“. Ich möchte, dass meine Leser genau diese Erfahrung machen. Ich möchte sie genau diesen Druck und diese Spannung erleben lassen, die beide – den Jäger und den Gejagten – beeinflussen.
Am Ende von Spider deutet sich ein neuer Fall an. Wird es einen weiteren Jack-King-Roman geben?
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Michael Morley: Mein zweiter Jack-King-Roman ist fast fertig. Er handelt von der Camorra, einer sehr alten Form des organisierten Verbrechens in Neapel, die der Mafia vorangegangen ist und Tony Soprano und seine Bande wie Chorknaben aussehen lässt. Zu Recherchezwecken habe ich mich kürzlich mit den Carabinieri und mit echten Camorristi in Neapel getroffen, und Letztere haben mir einen faszinierenden Einblick in ihre weitreichende Macht und ihren großen Einfluss in jener Gegend vermittelt. Neapel ist die Heimat der Pizza, des Vesuvs und des grausigsten Serienkillers, mit dem es Jack King jemals zu tun hatte.
Der Black-River-Killer wird am Tag nach einer grausamen Tat von den sogenannten „day after shakes“ heimgesucht. Ist „das große Zittern“ eine Erfindung von Ihnen oder ein real existierendes Phänomen, von dem Mörder tatsächlich heimgesucht werden?
Michael Morley: Dieses Phänomen basiert auf Tatsachen. Massenmörder töten aus vielerlei Gründen. Manche macht die Tat als solche an; manche denken, ein Mord sei notwendig, damit man ihnen nicht auf die Spur kommt. Egal, aus welchem Grund sie töten – direkt nach dem Mord erreicht ihre Angst den Höhepunkt. Das sind die sogenannten „day after shakes“. Während dieser Phase sind die Täter am verletzlichsten. Manche müssen sich von ihrer Arbeit tagelang freinehmen, weil die permanente Anspannung, entdeckt zu werden, unerträglich ist. Wenn sie merken, dass die Polizei doch nicht an ihrer Tür klopft, werden sie cooler, und die Anspannung nimmt ab. Noch ein bisschen später verschwindet die Angst ganz, und sie sind überzeugt, davongekommen zu sein. Dann fühlen sie sich sicher und malen sich ihre nächste Tat und ihr nächstes Opfer aus. Bei Massenmördern verringert sich die Spanne zwischen der Angst, entdeckt zu werden, und dem Fantasieren über das nächste Verbrechen kontinuierlich. Das ist die Entwicklungsstufe bei Serienmördern, die die Gesetzeshüter am meisten fürchten.
Wer ist Ihr erster Leser?
Michael Morley: Mein Verleger. Irgendwann habe ich aufgehört, meine Frau mit meinen Rechtschreibfehlern und literarischen Unsicherheiten zu belasten.
Welche anderen Autoren und Werke inspirieren Sie?
Michael Morley: Dr. Seuss – lesen Sie Ihren Kindern irgendeines seiner Bücher vor und Sie segnen sie, indem Sie ihre wunderbare Fantasie freisetzen.
Steven Bochco – der beste Fernsehkrimi-Autor der Welt! Polizeirevier Hill Street und Murder One – Der Fall Jessica sind Klassiker.
William Butler Yeats – Das Jüngste Gericht macht mir immer noch Gänsehaut.
Die Fragen stellte Julia Winkel
(Übersetzung: Julia Winkel)
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