Mörderische Gedanken

Sie möchten also wissen, was im Kopf eines Mörders vor sich geht?

Mein Name ist Spider. Beim FBI nennt man mich auch den Black-River-Killer. Ich habe 28 Morde begangen. Für die meisten Menschen ist das unvorstellbar, denn sie können nicht nachvollziehen, was im Kopf eines Mörders vor sich geht.

 

Menschenmenge

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Ich kann versuchen, es zu erklären. Beginnen wir in einem Einkaufszentrum: eine bunte Schar Männer und Frauen mit prall gefüllten Taschen, Menschen, deren erwartungsfrohe Sehnsüchte bald befriedigt werden.

Sind das gute Menschen – oder schlechte Menschen? Oder gar böse Menschen?

Es lässt sich nicht sagen, stimmt’s?

Bei niemandem steht Monster oder Mörder auf die Stirn tätowiert, aber man kann sich vielleicht denken, dass die Nettesten unter ihnen die Schlimmsten sein könnten.

Hand eines älteren Menschen

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Der nette, alte Mann dort auf der Holzbank neben dem Papierkorb, der vor lauter Kartons aus dem Fast-Food-Restaurant überquillt - keine Frage, der Opa von irgendwem. Die knorrige, mit Altersflecken überzogene Hand, die auf einem hölzernen Gehstock ruht. Kaum vorstellbar, dass vor gar nicht allzu langer Zeit mit dieser Hand einem Präsidenten salutiert wurde; dass der Mann damit die Blondschöpfe seines wunderschönen kleinen Sohns und seiner wunderschönen kleinen Tochter zerzaust hat. Und einmal hat die Hand auch den Hals einer jungen Frau umklammert. Der Mann hat sie gewürgt, sich auf sie geworfen und sie gebissen, bis schließlich das Kreischen des Dämons in ihm zum Verstummen gebracht war. Der Dämon, der nicht verschwinden wollte. Der Dämon, den die Medikamente still halten sollten. Kein Wunder, dass die Hand auf diesem Gehstock zittert.

Glas mit Tabletten

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Oder dort drüben, diese dicke, grauhaarige alte Frau mit den rundlichen Schultern, Tränensäcken und Hängebacken. Dieses strohige graue Haar war einmal lang und goldblond. Diese müden, leeren Augen funkelten einst vor Lust und Ehrgeiz. Diese Augen beobachteten aber auch aufmerksam die Abmessung des Giftes, das schließlich ihren Mann tötete und ihr den Reichtum und die Freiheit schenkte, die sie jetzt an ihrem Lebensabend genießt.

Psychologen sagen, dass Menschen durch schreckliche Dinge zu Serienmördern werden können, die ihnen während der Kindheit oder der Pubertät widerfuhren. Die Wahrheit ist, dass Menschen töten, weil es ihnen ein gutes Gefühl gibt. Mehr als das – man wächst als Persönlichkeit. Es stillt einen Teil des Selbsts, den man verleugnet hat. Es baut Muskeln auf, von denen die meisten Sterblichen nicht einmal wissen, dass es sie überhaupt gibt.

Glas mit Tabletten

Der erste Mord ist ein Ereignis, das das Leben für immer verändert. Es müsste Glückwunschkarten dafür geben (für alles andere gibt es die ja auch): Herzlichen Glückwunsch zu Deinem ersten Mord! Das Beste kommt erst noch!! Jemanden zu ermorden ist wie das Bestehen der Führerscheinprüfung – es erschließt einem eine völlig neue Welt.

Nach meinem ersten Mord in Charlestown bin ich in die Stadt zurückgekehrt und habe das örtliche Polizeirevier aufgesucht. Ich ging einfach hinein, um mich nach dem Weg zur nächsten Apotheke zu erkundigen - immer eine gute List. Es bot mir die Chance, den erregenden Kitzel zu verlängern und mich unter den Jägern wohlzufühlen.

Kurz danach stelle ich mich oft in die Mitte von Menschenmengen und fühle mich dabei einzigartig. Ich bewege mich in der Menge und sage mir, ich bin etwas Besonderes, weil niemand sonst die Dinge tut, die ich getan habe. Doch dann schaue ich mich um und erkenne, dass ich nicht der Einzige bin.

Ein Mörder erkennt einen anderen Mörder auf eine Meile Entfernung. Es ist ein animalischer Instinkt. Einmal habe ich draußen auf Coney Island in einer Schlange für Kaffee angestanden, und dieser Typ in einer parallel verlaufenden Schlange schaute zu mir herüber. Er war völlig anders als ich, sah mir überhaupt nicht ähnlich. Und doch war es, als würde man in den Spiegel sehen. Seine Seele war identisch mit meiner. Seine Bedürfnisse waren die gleichen wie meine. Unsere Blicke begegneten sich für eine Sekunde. Dann nickte er mir einfach nur kurz zu. Ein anerkennendes Nicken. Wie man vielleicht jemandem zunickt, der genau den gleichen Oldtimer fährt oder das gleiche Motorrad, und ich erwiderte das Nicken. Wir waren zwei völlig Fremde, und doch wussten wir beide, wer wir waren. Wussten es besser als sonst jemand auf der Welt.

Eltern verstehen vielleicht, worauf ich hinausmöchte. Eltern können sich gut an den Augenblick erinnern, als sie zum ersten Mal zu diesem unschuldigen kleinen Menschen hinabgeschaut und mit jeder Faser ihres Körpers begriffen haben, dass sie auf wunderbare Weise ein Leben erschaffen haben. Erstaunlich, nicht wahr? Nun, das Gefühl, ein Leben zu nehmen, ist absolut und ganz genauso atemberaubend. Ganz genauso überwältigend.

Bevor ich das erste Mal tötete, habe ich lange und konzentriert darüber nachgedacht, wie es zu tun sei.

Heutzutage kommt man so problemlos an eine Waffe wie an eine Pizza – vielleicht ist es in manchen Teilen New Yorks sogar noch einfacher. Aber jemanden mit einer Schusswaffe zu töten ist nicht anders, als per Fernbedienung zu töten. Es ist unpersönlich. Distanziert. Völlig leidenschaftslos und kühl. Die Schusswaffe ist ausschließlich für Leute, die eine Sache erledigt wissen wollen, um dann zu verschwinden. Es ist ein Playstation-Mord.

Eine Schusswaffe zu besitzen ist, wie einen sehr guten Freund zu haben. Es laufen so viele Verrückte dort draußen herum, dass ich im Traum nicht daran denken würde, ohne Waffe mit der U-Bahn zu fahren. Aber es ist ein Instrument, bei dem es um Effizienz geht, kein Instrument, das Freude schenkt.

Für viele Mörder ist Kontakt alles.

Sie wollen spüren, was geschieht.

Sie sehnen sich nach diesem Gefühl von Fleisch auf Fleisch. Atem auf Haut.

Aber Töten ist nicht alles.

Für mich ist das Töten genaugenommen nur der Anfang.

 

Im Leben nach dem Tod gibt es keine Regeln.

Grabsteine

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Niemand stirbt dort, niemand verschwindet, jeder ist überall, und alle bleiben dort, für immer.

Das Leben nach dem Tod ist voll von Menschen, die exakt so aussehen, wie sie vor ihrem Tod ausgesehen haben.

Ihr Gesicht ist in der Miene erstarrt, die es in dem Augenblick trug, als sie begriffen, dass sie nicht mehr weiterleben würden. Paradox: Hier tragen die Selbstmordbombenattentäter das breiteste Lächeln, während die jungen Mütter mit Kindern das traurigste Gesicht machen.

Niemand spricht.

Also, das stimmt eigentlich nicht, die Münder werden schon geöffnet, nur kein Ton kommt heraus. Die einzigen Laute, die ich hören kann, sind die Gedanken in meinem eigenen Kopf. Meistens höre ich die Stimmen derjenigen, die ich getötet habe. Ich höre, wie sie um ihr Leben betteln, immer und immer wieder. Ich höre ihre Geschichten; dass sie niemals jemandem etwas zuleide getan haben, dass sie doch nichts anderes wollten, als einfach nur leben, freigelassen zu werden, zu den Menschen zurückzukommen, die sie lieben; ich höre sie flehen und versprechen, dass sie nie etwas verraten werden, lügen, sie verstünden schon, warum ich sie ausgewählt hätte. Manchmal höre ich zwar auch Geräusche, aber es ist nur das Tropfen von Tränen, die sich aus ihren Augen lösen, Tränen, die in meinem Hirn wie Säuretropfen verbrutzeln.

Ich streife unablässig umher, aber im cremefarbenen Nichts des Lebens nach dem Tod finde ich doch nie das eine, weswegen ich hergekommen bin. Ich finde nie meine Mutter. Ich finde nie meinen Vater. Selbst wenn ich die Augen schließe, kann ich mir nicht mehr vorstellen, wie sie einmal ausgesehen haben. Ich kann mich zwar an ein Hochzeitsfoto erinnern, die zwei neben einem Baum, aber ihre Gesichter kann ich nicht sehen.

Ich bin mir sicher, dies ist der Ort, von dem es hieß, Mutter sei dorthin gegangen, der Bessere Ort, der Ort, zu dem sie gegangen ist, als sie mich als kleinen Jungen verließ, der einzige gute Ort, zu dem sie jemals ohne mich gegangen ist. Aber in letzter Zeit hatte ich so meine Zweifel. Die allerdings nicht daher rühren, dass ich sie nicht gesehen habe. Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, wenn ich weitersuche, werde ich sie am Ende auch finden. Vielleicht gibt es in all dieser Weichheit ja irgendwo einen Baum, und dort steht sie, hält die Hand meines Vaters, wartet darauf, dass ich zu ihnen stoße. Nein, es sind die anderen Leute, die mich zweifeln lassen. Manchmal erhasche ich ihre Blicke, manchmal studiere ich ihre Münder und versuche, von den Lippen zu lesen. Der Mann, von dem ich erzählt habe – jener, der mir beim Schlangestehen begegnet ist – just in diesem Augenblick kommt er in mein Blickfeld und zieht links an uns vorbei. Was sagt er? Ich bin völlig sicher, dass das der Bessere Ort ist, aber seine Lippen sagen mir da etwas anderes: "Wir sind in der Hölle. Das hier ist die Hölle."

Hölle.

Aber ist es die Hölle auf Erden? Oder nur die Hölle in meinem Kopf?

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